Kulturheronen, Dreamings und Traumpfade

Die Ngarrindjeri in Südaustralien, die am Flusslauf des Murray River in der Nähe seiner Mündung leben, erzählen die Geschichte von Ngurunderi.

Dieser war ein mächtiges Wesen aus der Traumzeit, der durch Raum und Zeit reisen konnte und in Gestalt eines Mannes auftrat. Seine zwei Frauen hatten ihn verlassen und auf der Suche nach ihnen fuhr er in seinem Rindenkanu den Murray River hinunter. Als er mit seinem Speer einen Kabeljau erlegen wollte, verfehlte er ihn und indem der Fisch sich wehrte, wild mit seiner Schwanzflosse herumzappelte und schließlich in Richtung Meer entfliehen konnte, wurde der große, gewundene Lauf des Murray River, der vorher nur ein kleiner Bach gewesen war, geschaffen.
Ngurunderi wanderte weiter und traf auf seinen Schwager Nepele, dem er die Erlaubnis gegeben hatte, im Murray Fische zu fangen. Mit einem Netz zogen sie gemeinsam einen riesigen Fisch an Land und Ngurunderi zerteilte ihn in viele kleine Stücke. Als er die einzelnen Teile wieder in den Fluss zurück warf, sagte er jedem einzelnen Stück, welcher Fisch es in Zukunft sein sollte und sie verwandelten sich in genau diesen Fisch, sobald sie das Wasser berührten. So schuf Ngurunderi alle Süß- und Salzwasserfische im Gebiet der Ngarrindjeri.
Auf der weiteren Suche nach seinen Frauen wanderte Ngurunderi durch das Schilf am Flussufer und bemerkte plötzlich, dass er beobachtet wurde. Doch die anderen Wesen waren zu scheu und entzogen sich sofort seinen Blicken. Sie verwandelte Ngurunderi in kleine Vögel, die heute noch im Schilf leben. Anschließend wandte er sich vom Fluss ab, um zu Fuß weiterzugehen. Da er nun sein Rindenkanu nicht mehr gebrauchen konnte, schleuderte er es mit aller Macht hoch in den Himmel, wo es noch heute als Milchstraße zu sehen ist.
Bald darauf traf Ngurunderi den mächtigen Zauberer, Barambari, der ihn zum Kampf herausforderte. Baramberi versuchte ihm Schaden zuzufügen, doch Ngurunderi lachte nur. In einem heftigen Kampf besiegte er den Zauberer und schichtete anschließend Reisigbündel auf, um dessen Körper zu verbrennen und seine Macht damit endgültig zu zerstören. Die Waffen der beiden Krieger und die Stelle, wo Ngurunderi den Leichnahm verbrannt hatte, sind heute große Steinblöcke am Strand.
Endlich fand Ngurunderi seine beiden Frauen, doch sie liefen voller Angst vor ihm davon. Er warf eine Keule nach ihnen - heute eine hüglige Landzunge an der Küste -, doch sie schwammen ins Meer hinaus. Da ließ Ngurunderi die See aufschäumen und eine mächtige Brandung heranrollen, so dass seine Frauen ertranken und die weiter entfernt liegende Halbinsel Kangaroo Island vom Festland abgeschnitten wurde. Seine beiden getöteten Frauen wurden zu den Two Sisters, zwei Eilanden im Meer. Doch nachdem seine Wut verraucht war, bereute Ngurunderi seine Tat und trauerte um seine Frauen. Er wusste, dass es für ihn Zeit war, sich nun selbst aus dieser Welt zu verabschieden. Er tauchte tief ins Meer ein, um seine Seele abzukühlen und begab sich dann hinauf in die Himmelswelt, wo er heute als besonders funkelnder Stern in der Milchstraße zu sehen ist.

Dies ist nur ein Beispiel für die Vielfalt an Mythen, die Geschichtenerzähler den Heranwachsenden nahe brachten. Jeder Geschichtenerzähler hat einen speziellen Bezug zu der Geschichte und beginnt sie mit den Worten: ‚Das ist unser/ mein Traum...'. Will man die Bedeutung der Traumpfade ergründen, ist ein Verweis auf die Schöpferwesen nötig. Die Traumpfade waren die Wanderwege der Heronen, sie sind unsichtbare Netze ‚Songlines', die ganz Australien durchziehen, es sind Wandertouren, die durch mündliche Überlieferung in Form von Liedern und Tänzen in der Kultur und im alltäglichen Leben der Aborigines große Bedeutung haben.

Für die Aborigines hat ihr Mythenschatz große Wichtigkeit. Da sie eine "schriftlose Kultur" sind, liegt bei ihnen das Gewicht auf der mündlichen Überlieferung. Ihre Mythen sind für die australischen Ureinwohner das verbale Rückgrad ihrer religiösen Überzeugungen und Überlieferungen.

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Arten der Mythen

Es gibt zum einen unterhaltsame Geschichten für Kinder, die aber auch einen lehrreichen Charakter haben. Eine andere Art sind die Ausschnitte aus Traumzeitlegenden, in denen zum Beispiel die Herkunft des Totems erklärt wird. Außerdem gibt es noch religiöse Überlieferungen, die über den Beginn und das Schicksal der Menschheit im Allgemeinen berichten.

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Inhalte der Mythen



Tanzgruppe


Zeremoniebemalung, Gesicht


Körperbemalung


Tanz_1


Tanz_2


Zeremonialschmuck an den Beinen

Die Legenden erzählen von Wanderungen, Erlebnissen und Taten der mythischen Ahnenwesen und Kulturheronen aus der Traumzeit. Diese Überlieferungen gelten nicht als unabänderliche, feststehende Sammlung von Geschichten, die jeder Generation wortwörtlich wiederholt werden müssen und nur in dieser einen Form Gültigkeit besitzen. Ihnen wohnt vielmehr eine lebendige Flexibilität inne. Dem Erzähler werden Freiheiten gelassen, er darf improvisieren um Spannung aufzubauen und so das Interesse der Zuhörer zu wecken. So wird man trotz des gleichen Themas oder gleicher Schilderung von bestimmten Ereignissen nie zwei identische Geschichten hören. Sie können leicht abgewandelt sein oder vielleicht hebt der eine Erzähler ein paar Details besonders hervor oder vernachlässigt andere. Dadurch können die Geschichten so abgewandelt werden, dass sie irgendwann andere Elemente enthalten. Die Ureinwohner nehmen Rücksicht auf die Einmaligkeit einer Darbietung, sehen aber andere Varianten desselben Mythos als gleichberechtigt an.

Auch in der Darbietungsform der Mythen gibt es einen großen Spielraum, da wäre zum einen der mündliche Erzählstil zu nennen, der durch Mimik und Gestik begleitet wird. Der Vortragende hat seine Geschichte dabei in mehrere Sequenzen unterteilt. Außer einem Höhepunkt gibt es dabei auch ein Nachwort, in dem der Sinn oder die Moral der Erzählung verdeutlicht wird.
Eine weitere Form sind Lieder und Tänze mit einer bestimmten Choreographie, die den Inhalt der Geschichte dramatischer darstellen. Diese spannende und anschauliche Darbietung wird "corroborrees" genannt, sie findet zu bestimmten Anlässen vor Publikum statt. An diesen "Ezählungen" sind immer mehrere Personen beteiligt, sie berichten zumeist von Mythen der Traumzeit, es werden aber auch nicht-religiöse Themen behandelt.
Außerdem gibt es auch noch die bildliche Darstellung von Mythen als Fels-, Rinden- oder Sandmalereien. Am dauerhaftesten sind die Felsmalereien.

Es werden in der heutigen Zeit aber nicht nur die traditionellen Themen behandelt, es gibt auch die Kreation von neuen "Mythenkomplexen", so zum Beispiel die "Captain-Cook-Mythe". Sie handelt von dem Landraub und der Entrechtung der Aborigines durch die angloeuropäische, westliche Welt. Der Name Captain Cook ist bei den Ureinwohnern eine Methapher für den gewaltsamen Kulturverlust, der nach dem Kulturkontakt mit den Weißen über sie hereingebrochen ist und dass, obwohl Cook nie selbst das Blut der Aborigines vergossen hat.
Diese Mythen dürfen nicht mit der tatsächlich abgelaufenen Geschichte verwechselt werden, es sind nur reflektierte Geschehnisse und keine realen Darstellungen.

Es ist nicht mehr genau feststellbar, wann die Felszeichnungen und die dazugehörigen Mythen entstanden sind, beide sind jedenfalls schon sehr alt. Manche Autoren behaupten sogar, die Entwicklung der Mythen sei in der Kultur der Aborigines schon lange vor Ankunft der Europäer zum Erliegen gekommen (z.B. Strehlow, 1947). Allerdings zeigen neuere Beispiele von Mythen wieder die Flexibilität bei Kulten und Ritualen. Die Traditionen, die in einer Region entstanden sind, werden auch an den Nachbarstamm weitergegeben, auf diese Weise "wanderten" manche Erzählungen und Erläuterungen regelrecht über den australischen Kontinent.
Diese Tatsache widerlegt die Behauptung eines prähistorischen Abschlusses der australischen Mythenbildung. Die erzählten Geschichten, die in eine Nachbarregion überliefert werden, werden dort noch ausgeschmückt oder mit ergänzenden Folgegeschichten versehen. So kann zum Beispiel die Geschichte über einen totemistischen Ahnen, der durch das eigene Stammesgebiet wanderte an der Grenze zu einem anderen Gebiet fortgesetzt, ergänzt oder gewandelt werden und kehrt dann irgendwann in ihr Ursprungsland zurück.
Durch diese lebendige Wechselbeziehung entstehen Mythenzyklen, sogenannte "Songlines", welche die Wanderungen bestimmter Traumzeitahnen über weite Landstriche und durch viele Gebiete beschreiben. Eine Erzählung einer Lokalgruppe stellt dabei nur einen kleinen Teil der ganzen Mythe im Gesamtzyklus dar. Im vollständigen Zusammenhang aller Mythen der Aborigines gibt es einen kaum zu überschauenden Formen- und Artenreichtum. Erst, wenn die Erzählungen nach bestimmten Gegenden oder Lokalgruppen geordnet und dann nach speziellen Gesichtspunkten untersucht werden, ergibt die Bandbreite dieser Erzählungen einen Sinn (Beispiel: 1970, Clara Wilpert: 350 Weltschöpfungsmythen, zusammengefasst und gewertet, Regenbogenschlange....).
Einzelne Mythen sind immer nur ein kleiner Ausschnitt und können den Betrachter verwirren, da sie aus dem Gesamtzusammenhang gerissen sind. Bei den Aborigines gibt es keine chronologische Ordnung ihrer Legenden, die folgerichtig aufgebaut sind, wie zum Beispiel die Bibel. Nicht jede Mythe erläutert die Entstehung des gesamten Lebens auf der Erde, sie erzählt immer nur Details wie zum Beispiel das Känguru seinen Schwanz bekam oder wie Kultgegenstände eingeführt wurden. Sie handeln aber auch von der Umwelt, den Totems, der Menschheit oder den Jagdtieren. Dabei gilt jede Legende nur für das Volk, in dem sie überliefert wird, da diese Menschen an die entsprechenden Schöpferwesen, Traumzeitmythen und Kulturheronen glauben. Daher ist auch keine flächendeckende Darstellung der gesamten australischen Mythentradition möglich. Man sollte die interessanten Mythenkomplexe eher als stellvertretend für das religiöse Gedankengut der Aborigines betrachten.



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Schöpfungsmythen

Es gibt eine Vielzahl mündlicher Überlieferungen, die von den Taten der Kulturheronen berichten. Dabei geht es um die Entstehung der Welt und des Universums, aber auch um die Rolle und Herkunft der Menschen. Bei diesen Erzählungen ist die Erde die substanzielle Voraussetzung für die geschilderten Geschehnisse, da sie stets die Basis für alles ist. Die mächtigen Ahnenwesen und Kulturheronen sind durch Selbstschöpfung (Autogenese) entstanden, sie schufen das Land für die Menschen und machten Gesetze für sie. Teilweise wanderten auch bereits vorhandene Schöpferwesen aus einer bestimmten Himmelsrichtung in das Land ein, sie schufen dort Tiere, Pflanzen und Menschen.
Für diese Schöpferwesen gibt es in der Fachwelt eine Vielfalt von Namen: (Pannell, 1994): mythical beings, ancetral beings, heroes, totemic ancestors, totemic beings, world-creative powers, super-human heroes, dreaming beings und noch viele weitere, oder nach Wilpert (1970): Kulturheronen, Universalschöpfer, Traumzeitwesen, Ahnenwesen und auch andere.
Eine endgültige Begriffsdefinition kann nicht erfolgen. Nach dem Glauben der Aborigines schufen die Kulturheronen das Leben auf der Erde mit den wichtigsten Kulturelementen. Sie brachten den Menschen auch die Kultobjekte und schufen für sie Regeln des sozialen Miteinanders.
Die Schöpferwesen kommen nicht ausschließlich aus einem Geschlecht, sie können entweder ganz männlich oder ganz weiblich sein, es gibt aber genauso oft Wesen, bei denen dies nicht genau festgelegt ist, bei denen die weiblichen und männlichen Merkmale vermischt sind oder nebeneinander existieren. Die Gewichtung auf ein bestimmtes Geschlecht ist je nach Gruppe und Erzähltradition anders.
Eine weitere Besonderheit der Traumzeitahnen ist, dass sie nicht genau der menschlichen oder tierischen Welt zugeordnet sind. Sind sie Menschen, können aber auch die Form eines Tieres annehmen und umgekehrt. Es ist ihnen auch möglich zwischen verschiedenen Tierarten zu wechseln. In den Geschichten treten die Kulturheronen entweder allein oder als Paar auf. Es gibt auch Konstellationen von Brüdern, Schwestern oder sonstigen Verwandten. Die Kulturheronen spielen mit ihren Taten die Hauptrollen in den kosmogonischen Mythen der Aborigiens.

Zwei weitere Helden neben Ngurunderi (Südaustralien) sind Baiame und Durumulan (mit seinen beiden Frauen). Sie haben alles geschaffen, was die Menschen heute kennen und spielen eine große Rolle bei den Initiationszeremonien.
An diese beiden Schöpferwesen glaubten vor allem die:
Kamilaroi, Wivandjuri und Euklayi, die Mythen waren aber auch bei deren Nachbarstämmen vertreten. Diese Stämme waren im Hinterland des heutigen New South Wales beheimatet.
Baiame war ein mächtiges Schöpferwesen, das im Himmel wohnte, in der Schöpfungsperiode jedoch auf der Erde gelebt hatte und das Land der Kamilaroi und der anderen Stämme geschaffen und gestaltet hatte. Er sorgte für das Wachstum und das Wohlergehen aller Geschöpfe auf der Erde und begründete alle Regeln und Gesetze, nach denen die Menschen leben sollten. Er hatte die Initiation der Jugendlichen nach einem bestimmten Verfahren angeordnet, das genau befolgt werden musste.
Die Aborigines schufen dafür ihrerseits bei diesen Initiationszeremonien eine Erdskulptur, die Baiame verkörpern sollte.
Ebenso verhielt es sich mit Durumulan, der einer Überlieferung zu Folge als großer Kamilaroi-Krieger mit zwei Ehefrauen dargestellt wird. Er erschien zuerst im Osten und wanderte dann nach Westen weiter. Er galt als ein mächtiges Wesen, das einst als Unterhändler von Baiame die Aborigines alle wichtigen Gesetze und Regeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens gelehrt hatte.

Für die Stämme der Ngadadjara und Yulbara (zwischen Rawlinson und Warburton Ranges im östlichen Westaustralien) war ein anderes Heronenpaar zuständig, es handelt sich dabei um zwei Männer "Wati Kutjara", von denen der ältere "Kurukadi" und der jüngere "Mumba" hieß.
Die beiden stammten ursprünglich irgendwo aus dem fernen Westen und durchwanderten das Land der oben genannten Stämme in östlicher Richtung. Der ältere war ein ausgezeichneter Kängurujäger, der für die Nahrungsbeschaffung der beiden zuständig war, wohingegen der jüngere lieber zu Hause im Camp blieb und als Müßiggänger galt.
Sie waren miteinander verschwägert, gehörten jedoch verschiedenen Sektionen an und besaßen unterschiedliche Totems. Diese beiden Kulturheronen zogen nun auf einer langen, ereignisreichen Reise durch das Gebiet der Warburton Ranges und schufen dabei die Landschaft der Ngadadjara- und Yulbara-Aborigines mit all ihren Besonderheiten.
An einem ihrer Lagerplätze schnitten sie sich beispielsweise am Unterarm ihre Venen auf und ließen das Blut herausfließen. So entstand eine Lage roten Ockers, die später von den Aborigines sowohl zu kultischen als auch profanen Zwecken abgebaut wurde.
Auf ihrer weiteren Reise trafen Kurukadi und Mumba auf Kulu, den Mondmann, der allerdings seinerseits die Frauen der beiden verfolgte. Dieses unangenehme Zusammentreffen hatte die endgültige Flucht der beiden Frauen zur Folge, so dass die beiden Schwager alleine weiterziehen mussten.
Am Ghanda Rock Hole, dass sie einige Zeit später erreichten, setzten sich die beiden nieder und schickten sich an, die wichtigste Tat ihres Traumzeitdaseins zu vollbringen: sie schufen die sakralen Objekte, "Inma" genannt, die in Form der Tjurunga als Kulthölzer gestaltet waren. Sie schnitzen sie aus dem harten Holz des Mulga-Baumes und hinterließen sie in der Höhle des Ghanda Rock Holes.

Diese Kulthölzer werden noch heute dort aufbewahrt und werden bei Einweihungsfeiern genutzt. Dabei wird der gesamte Wati-Katjara-Zyklus an einem bestimmten Platz in der Nähe des Ghana Rock Hole rezitiert. Die Teilnehmer führen dabei Tänze und Gesänge traumzeitlicher Geschehnisse auf und verzieren ihre Körper in der gleichen Weise wie die beiden Ahnen es taten, dazu verwenden sie Federn und Blut aus ihren Armvenen.

Nach Durchquerung der Warburton Rage erlebten die beiden Kulturheronen noch weitere Abenteuer. Sie wollten eine Landschaft glattstreichen, um eine Ebene zu schaffen, dazu fertigten sie die heiligen Fadenkreuze an. Nach ihrem letzten Halt im Land der Ngadadjara- und Yulbara-Aborigines in Ostaustralien hörte man nie wieder etwas von ihnen.

Als weibliches Heronenpaar gelten zum Beispiel die "Djanggawul-Schwestern" und die "Wawalag-Schwestern", die im nordöstlichen Arnhem Land in Nordaustralien auftraten. Die "Djanggawul"-Wesen sind die ältesten Erscheinungsformen. Die "Wawalag" waren die Töchter der "Djanggawul" oder auch deren Nachfolgerinnen. Da dies nicht genau festgelegt ist, handelt es sich hierbei um eine Vermischung von mehreren Mythen. Beide Paare galten als mächtige Schöpferwesen aus der Urzeit und sind für die Fruchtbarkeit des Landes zuständig, auch durch sie entstanden Tiere, Pflanzen und Menschen auf der Erde.

Es existieren eine Reihe von Zeremonien, die sich um weibliche Kulturheronen drehen und auch dafür gibt es entsprechende Sakral- und Kultobjekte. Die im "Djanggawul"-Zyklus enthaltenen Personen sind genau genommen zwei Schwestern und ein Bruder, die in der Urzeit über die unbevölkerte Erdoberfläche zogen. Es gab zu dieser Zeit schon Pflanzen und Tiere, die sie in Totems verwandelten und auch andere mythische Wesen, aber noch keine Menschen.

Die Geschwister lebten zunächst auf einer Insel vor der Küste (Braglo) - dort werden heute ihre religiösen Zeremonien durchgeführt - später kamen sie in einem Rindenkanu auf das Festland.
Da es damals noch keine "Heirats- und Sozialregeln" gab, schlief der Bruder mit der älteren Schwester und sie gebar Menschen beiderlei Geschlechts, die als die Vorfahren der heutigen Aborigines gelten. Die drei Geschwister benannten alle Tierarten an Land, die Fische, die Bäume und die markanten Plätze. In ihren Tragenetzen trugen sie Kultobjekte mit sich, die ihnen aber von den Männern gestohlen wurden, als sie auf Nahrungssuche waren. So brachten die Männer die geheimen Objekte und Lieder der Frauen und die in ihnen innewohnende Macht an sich. Dieses Motiv tritt des öfteren in der australischen Mythologie auf (White, 1975).

Der "Djanggawul"-Zyklus ist ein gutes Beispiel dafür, wie sehr die jeweiligen Mythen in ihren einzelnen Bestandteilen voneinander abweichen können, Wilpert listet eine ganze Reihe von unterschiedlichen Versionen dieses Mythos auf:
1. Zwei Schwestern
2. Zwei Schwestern und ein Bruder, der bei allen Aktionen die Hauptrolle spielt
3. Betonung der riesigen Geschlechtsteile der drei Geschwister
4. Die jüngere Schwester wird von einem plötzlich auftauchenden Mann vergewaltigt, sie stirbt und verwandelt sich in einen Stein.
5. In einigen Regionen des Arnhem Landes werden die Schwestern auch mit der Sonne assoziiert und gelten als deren Töchter.

Die "Wawalag"-Schwestern sind mythische Wesen weiblicher Natur mit schöpferischen Fähigkeiten. Es gibt ein Ritual, in dem sich ihre Kräfte und die der Erdenmutter "Kunapipi" in einem sakralen Schwirrholz manifestieren. Die Hauptfunktion der "Wawalag"-Schwestern und auch der "Kunapipi"-Erdmutter ist das Hinterlassen von Geistkindern, also der spirituellen Substanz neuer Kinder, wie sie den Zeugungs- und Empfängnisvorstellungen der Aborigines entsprechen.
Der "Kunapipi"-Mann trägt viele Geistkinder in seinen Umhängetaschen mit sich herum. Diese macht er später zu Knaben und unterzieht sie der Beschneidung, er unterteilt sie in einzelne Sozialgruppen, teilt ihnen ihre Totems zu und lehrt sie die entsprechenden Zeremonien und Lieder.

Die Schöpfungsmythen der australischen Ureinwohner bieten einen unglaublichen Reichtum an Legenden, die in jeweils verschiedenen Spielarten erzählt werden.
Im Süden und Südosten dominieren die übermächtigen, aber allein agierenden Kulturheronen wie "Ngurundi", "Baiame" oder auch "Bunjil" (bei den Kurnai im heutigen Bundesstaat Victoria).
In West- und Nordaustralien treten die Schöpferwesen meist als Paare auf, diese sind schon nach Sozialgruppen (Sektionen) und Totems unterteilt.
Die Schöpferwesen agieren in kreativen Akten (Erschaffung des Lebens auf der Erde), werden aber auch in todbringende Ereignisse verwickelt.
Die Schöpfungsphase ist kein statischer und unschuldiger Prozess und ist daher nicht mit der christlichen Vorstellung des Paradieses vergleichbar. In ihr wurden vielmehr auf dramatischer Weise die Bahnen für die spätere Existenz der Menschheit geebnet.
Nach Abschluss dieser aktiven Zeit sah man überall Beweise dieser Taten, die gestalteten Landschaften, die Tiere, die Pflanzen und die Menschen. Auch die mündlich überlieferten Geschichten und das Urgesetz stammen aus dieser Zeit. Diese Mythen sind auch heute noch für die Menschen auf der Erde wegweisend, "wie auf einem Musterbogen, dessen Schnittstellen die heiligen Stätten der Traumzeit darstellen".

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Regenbogenschlange (The rainbow serpent)



Regenbogenschlange


Der Hauptaufenthaltsort dieser Schlange waren wasserreiche Stellen, denn sie stand in Verbindung mit Meeren, Flüssen, Bächen und Wasserquellen. Sie ist auch mit dem lebensspendenden Regen verknüpft und mit der Fruchtbarkeit, die diese Regenfälle spenden.
Bei den Murinbata (Nordküste des Nordterritoriums) spricht man von Kunmanggur (Stanner, 1960), dem mächtigen Regenbogenmann. Er hat alle Menschen erschaffen und war auch weiterhin für ihr Wohlergehen verantwortlich.
Der Regenbogen ist ein stellvertretendes Zeichen für ihn und sein Wirken. Er hatte zwei Töchter, die "grünen Sittich-Frauen" und einen Sohn "Tjiuimik", der in Gestalt einer Fledermaus auftrat.
Eines Tages folgte der Sohn seinen beiden Schwestern, die auf Nahrungssuche waren. Er schlief mit ihnen, obwohl es sich um seine eigenen Schwestern handelte, die seiner eigenen Moiety angehörten. Die beiden Frauen wollten sich nach dieser schrecklichen Tat rächen.
Als er ihnen am nächsten Tag wieder folgte, ließen sie ihn an einem Strick, der an einem steilen Berghang hing hinaufklettern. Als er gerade am höchsten Punkt angelangt war, schnitten die Schwestern das Seil durch und er stürzte in die Tiefe. Dabei brach er sich alle Knochen, aber mit Hilfe seiner magischen Kräfte konnte er seine Gliedmaßen wieder zusammensetzen und heil in das Lager zurückkehren.
Er veranstaltete einen großen "Corrobarree". Nach langen erschöpfenden Tänzen warf er einen Speer - den er zuvor versteckt hatte - nach seinem Vater. Die Aufregung und Empörung der Anwesenden war sehr groß, plötzlich verwandelten sie sich alle in Vögel und der Vater verließ das Lager schwer verletzt.
An all seinen Rast- und Lagerplätzen hinterließ er seine Spuren; nicht nur in Form von Fußabdrücken, sondern auch als Wasserstellen, Bäche und Felsen. Schließlich kam er an die Küste, wo er mit all seinen Habseligkeiten im Meer versank, dabei erzeugte er eine große Überschwemmung und überall, wo er mit seinen Armen und Beinen aufschlug bildeten sich Creeks, Wasserläufe und Meeresbuchten, die somit direkt vom Regenbogenmann geformt worden waren (Überlieferung nach Stanner, 1960, vgl. auch Wilpert, 1970).

Die Wunambul (Kimberley-Region) berichten von einer großen Regenbogenschlange namens "Ungud", die zunächst im Wasser lebte und enorme schöpferische Kräfte besaß.
Eines Tages bäumte sich die Schlange auf und warf ihren Bumerang über das große Weltmeer und überall, wo er das Wasser berührte, erhob sich eine große Welle und flaches, trockenes Land trat hervor. Die Schlange legte ihre Eier auf dieses Land und aus ihnen schlüpften die Schöpferwesen (in diesem Fall die Wondjina). Diese Schöpferwesen schufen alle Menschen und Tiere und bewahrten deren Fruchtbarkeit (Überlieferung in Harton, 1994; vergleiche Lommel, 1950).

Aber auch diese dritte Form des Regenbogenschlangen - Mythos ist als Überlieferung legitim:
In der Traumzeit lag die ganze Erde im Schlaf. Nichts wuchs. Nichts bewegte sich. Alles war ruhig und still. Die Tiere, Vögel und Reptilien schliefen unter der Erdkruste.
Dann erwachte eines Tages die Regenbogenschlange aus ihrem Schlummer und drängte sich durch die Erdkruste, schob die Steine beiseite, die ihr im Weg lagen. Als sie hervorkam, schaute sie sich um und zog sodann durch das Land, ging in alle Richtungen. Sie wanderte überallhin, und wenn sie müde wurde, rollte sie sich zusammen und schlief. Auf der Erde hinterließ sie gewundene Spuren und den Abdruck ihres schlafenden Körpers. Nachdem sie die ganze Erde bereist hatte, kehrte sie dorthin zurück, wo sie zum Vorschein gekommen war, und rief Frösche: "Kommt heraus!".
Die Frösche brauchten sehr lange, um aus der Erdkruste hervorzukommen, denn ihre Bäuche waren voller Wasser, ein Vorrat, den sie während ihres Schlafes angesammelt hatten. Die Regenbogenschlange kitzelte ihre Bäuche und als die Frösche lachten, lief das Wasser über die ganze Erde und füllte dabei die Spuren von den Streifzügen der Regenbogenschlange - und so bildeten sich die Seen und Flüsse. Daraufhin begann das Gras zu wachsen, und die Bäume sprossen hervor. Und so begann alles Leben auf der Erde. Alle Tiere, Vögel und Reptilien wachten auf und folgten der Regenbogenschlange, der Mutter des Lebens, durch das Land. Sie waren glücklich auf der Erde und ein jedes lebte und jagte mit seinem eigenen Stamm. Die Känguruh- und Emustämme lebten in der Ebene. Die Reptilienstämme lebten unter den Felsen und Steinen und die Vogelstämme flogen durch die Lüfte und lebten auf den Bäumen.
Die Regenbogenschlange machte Gesetzte, denen alle gehorchen sollten, aber einige waren streitsüchtig und wurden zu Unruhestiftern. Die Regenbogenschlange schalt sie und sagte: "Diejenigen, die meine Gesetzte einhalten, will ich belohnen. Ich werde ihnen die menschliche Form geben. Sie, ihre Kinder und ihre Kindeskinder sollen für immer über diese Erde streifen. Das soll ihr Land sein. Diejenigen aber, die mein Gesetz brechen, werde ich bestrafen. Sie sollen zu Stein werden, damit sie nie mehr über diese Erde ziehen können." So wurden die Gesetzesbrecher in Steine verwandelt, wurden zu Bergen und Hügeln und standen für alle Zeit da und wachten über die Stämme, die zu ihren Füßen jagten.
Aber diejenigen, welche die Gesetze einhielten, verwandelte die Regenbogenschlange in die menschliche Form und sie gab einem jeden das Tier, den Vogel oder das Reptil von dem sie stammten zu seinem Totem. So erkannten die Stämme sich durch ihr Totem: das Känguruh, der Emu, die Rautenschlange und viele, viele mehr. Und damit keiner hungern musste, bestimmten sie, dass kein Mensch von seinem Totem essen dürfe, sondern nur von den anderen Totems. Auf diese Weise hatten alle zu essen. So lebten die Stämme miteinander in dem Land, das ihnen von der Mutter des Lebens, der Regenbogenschlange, gegeben wurde und sie wussten, dass das Land immer ihnen gehören würde und dass niemand es ihnen jemals nehmen sollte.

Bemerkenswert an diesem weitverbreiteten Mythos der Regenbogenschlange ist, dass er mit keinem Ritus, Kult oder einer Zeremonie verbunden ist. Er existiert nur in Form dieser überlieferten Geschichte.
Andererseits wird die Regenbogenschlange oft bildlich dargestellt, vor allem in Fels- und Rindenmalereien. In Felsbildgalerien Nordaustraliens ist sie oft sogar das bestimmende Motiv. Die Regenbogenschlange ist meist männlicher Natur, kann aber auch weibliche Körpermerkmale (meist Brüste) besitzen.
Die ältesten Felsmalereien, die das Motiv der Schlange enthalten, entstanden etwa 7000 bis 9000 Jahre vor unserer Zeit. Der Mythos der Regenbogenschlange ist nach Kolig (1992) "eines der dauerhaftesten, heute noch lebendige(n) religiöse(n) Glaubenselemente(n) in Australien, wenn nicht auf der ganzen Welt".

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